„Mobilität schafft Gemeinschaft“
Interview mit Anwohner Götz Fuchs über autoarmes Wohnen im Ludwigshöhviertel
Herr Fuchs, können Sie uns kurz etwas von sich erzählen?
Ich bin in Südhessen aufgewachsen. Nach meinem Studium in Freiburg und einigen Jahren an anderen Orten lebe ich heute wieder hier. Die Entwicklung ehemaliger Konversionsflächen hat mich schon lange interessiert – deshalb verfolge ich auch die Entstehung des Ludwigshöhviertels mit großem Interesse. Besonders schätze ich die Lebensqualität in Südhessen. Die Nähe zur Natur bedeutet mir viel; ich bin gerne im Odenwald unterwegs. Diese Verbundenheit mit der Region ist für mich neben meinem Geburtsort Frankfurt ein wichtiger Teil meiner Identität und einer der Gründe, warum ich gerne hier lebe.
Haben Sie einen Lieblingsort im Ludwigshöhviertel?
Mein Lieblingsort ist der heutige Karl-Plagge-Platz. Für mich hat dieser Ort eine starke symbolische Bedeutung. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Gebiet noch militärisch geprägt war. Heute trägt der Platz den Namen eines Widerstandskämpfers. Dass auf einem ehemaligen Militärgelände nun ein ziviler Stadtteil entsteht, ist für mich ein starkes Zeichen gesellschaftlicher Entwicklung – aus einem Ort militärischer Nutzung wird ein Ort des Zusammenlebens und der Begegnung.
Sie leben ja bereits hier, in einem autoarmen Quartier. Was schätzen Sie daran?
Die Umstellung auf ein autoärmeres Quartier bietet große Chancen für mehr Nachbarschaft und Gemeinschaft. Gleichzeitig bringt sie für viele Menschen zunächst auch Unsicherheiten mit sich. Gewohnheiten verändern sich nicht von heute auf morgen. Viele verbinden mit dem Auto Sicherheit oder Unabhängigkeit. Entscheidend ist, dass die Menschen die Angebote im Alltag kennenlernen – vom Carsharing bis zur Frage, wie sie ihren Einkauf nach Hause bekommen. So entsteht Vertrauen in neue Mobilität.
Meine Erfahrung ist jedoch, dass viele Wege und Erledigungen auch ohne eigenes Auto problemlos möglich sind. Entscheidend ist, dass die Menschen verlässliche Alternativen kennenlernen und Vertrauen in die vorhandenen Mobilitätsangebote entwickeln können. Deshalb halte ich es für wichtig, Mobilitätsmanagement und Quartiersmanagement gemeinsam zu denken. Wenn beides gut zusammenspielt, erleichtert das den Wandel erheblich.
Sie selbst leben bereits seit einigen Jahren ohne eigenes Auto. Wie funktioniert das im Alltag?
Seit fünf Jahren habe ich kein eigenes Auto mehr. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig verlässliche Alternativen sind. Gleichzeitig schätze ich die größere Freiheit, die damit verbunden ist. Die Kosten für ein eigenes Fahrzeug kann ich heute für andere Dinge einsetzen, die mir wichtig sind. Wichtig war für mich die Erfahrung, dass ich auch ohne eigenes Auto handlungsfähig bleibe. Ein Beispiel ist die Betreuung meines über neunzigjährigen Vaters. Erst als ich erlebt habe, dass ich bei Bedarf zuverlässig auf ein Carsharing-Fahrzeug zugreifen kann, konnte ich mich endgültig von meinem eigenen Auto trennen. Für meinen Alltag ist vor allem Transparenz wichtig. Ich möchte wissen, welche Mobilitätsangebote zur Verfügung stehen, wie sie funktionieren und wie ich sie nutzen kann. Diese Planbarkeit schafft die Sicherheit, die man für ein Leben ohne eigenes Auto braucht.
Wie sind Sie heute überwiegend unterwegs?
Meist nutze ich das Fahrrad. Bei schlechtem Wetter fahre ich mit Bus und Straßenbahn. Von hier aus komme ich gut zum Darmstädter Hauptbahnhof und weiter in die Region.
Das Fahrrad hat für mich noch einen weiteren Vorteil: Man erlebt das Quartier intensiver. Man begegnet Nachbarinnen und Nachbarn häufiger und kommt leichter ins Gespräch. Deshalb hat Mobilität für mich immer auch eine soziale Dimension. Nachhaltige Mobilität ist nicht nur eine verkehrsplanerische Frage, sondern eng mit Lebensqualität, Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt verbunden.
Sie engagieren sich im genossenschaftlichen Wohnprojekt „WohnSinn“. Was steckt dahinter?
Als ich nach Südhessen zurückkehrte, habe ich nach Menschen gesucht, die ähnliche Vorstellungen von gemeinschaftlichem Wohnen und nachhaltiger Stadtentwicklung haben. So bin ich auf „WohnSinn“ gestoßen. Die Genossenschaft besteht aus mehreren selbstverwalteten Hausgemeinschaften. Seit rund zehn Jahren begleite ich die Entwicklung von WohnTraum – dem vierten Projekt unserer WohnSinn-Genossenschaft. Auf unserem Grundstück im Ludwigshöhviertel entstehen 40 Wohnungen, darunter auch geförderte Wohnungen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein.
Gemeinschaftliches Wohnen bedeutet für mich, Verantwortung füreinander zu übernehmen, miteinander ins Gespräch zu kommen und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Dabei entstehen Begegnungen oft ganz selbstverständlich – auf den Wegen durchs Quartier, im Garten oder bei gemeinsamen Aktivitäten. Genau deshalb passen für uns Wohnprojekt und nachhaltiges Mobilitätskonzept so gut zusammen. Wer häufiger zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist oder „Shared-Mobility“-Angebote nutzt, begegnet anderen Menschen häufiger. So entstehen Kontakte und Gemeinschaft.
Welche Rolle spielt die geplante Straßenbahnanbindung für Sie und Ihr Wohnprojekt?
Für viele von uns war die geplante Straßenbahnanbindung ein wichtiger Grund, sich für diesen Standort zu entscheiden. Wir möchten dauerhaft Teil dieses Quartiers und der Stadt sein.
Die Straßenbahn ist für mich dabei weit mehr als ein Verkehrsmittel. Sie macht deutlich, dass das Ludwigshöhviertel ein selbstverständlicher Teil Darmstadts ist. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden gut mit der übrigen Stadt verbunden – und umgekehrt wird das Quartier für Menschen aus anderen Stadtteilen gut erreichbar.
Natürlich gibt es Diskussionen über einzelne Aspekte der Umsetzung. Aber angesichts der Größe des Quartiers mit seinen vielen heutigen und zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohnern ist eine leistungsfähige Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr aus meiner Sicht eine wesentliche Voraussetzung für seine Entwicklung.
Was macht für Sie einen guten Anschluss an den öffentlichen Verkehr aus?
Eine gute Anbindung muss vor allem verlässlich sein. Bei einer Straßenbahn kommt hinzu, dass ihre Infrastruktur dauerhaft sichtbar ist. Die Gleise liegen fest im Stadtraum und vermitteln Beständigkeit. Für mich schafft das Vertrauen. Eine Straßenbahn steht für eine langfristige Versorgung eines Stadtteils und gibt den Menschen die Sicherheit, dass sie sich auf dieses Angebot auch in Zukunft verlassen können.
Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Umwelt bei Ihrem Wohnprojekt?
Sie spielen eine sehr große Rolle. Unser Wohnprojekt ist konsequent auf nachhaltige Nutzung ausgerichtet. Die Gebäude orientieren sich am Passivhauskonzept, auf den Dächern werden Photovoltaikanlagen installiert und bestehende Eichen auf dem Grundstück werden erhalten und in die Planung integriert. Auch unser eigenes Mobilitätskonzept gehört dazu. Wir planen gemeinschaftlich genutzte Carsharing-Fahrzeuge als Ergänzung zu Fahrrad, ÖPNV und Fußverkehr. Ziel ist es, den Menschen eine flexible Alternative zum privaten Autobesitz anzubieten und gleichzeitig Ressourcen sowie Flächen zu sparen.
Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung des Ludwigshöhviertels?
Für die Lebensqualität in einem neuen Stadtteil ist nicht nur Mobilität wichtig, sondern auch eine gute Versorgung im Alltag. Gerade in der aktuellen Entwicklungsphase des Stadtteils ist das Thema „Lebensmittelversorgung“ von zentraler Bedeutung. Deshalb wünsche ich mir Übergangsangebote, beispielsweise auch bezüglich der Anbindung, bis sich die Angebote innerhalb des Quartiers weiterentwickeln.
Denn letztlich zeigt sich auch hier: Mobilität hat direkte Auswirkungen auf das tägliche Leben der Menschen. Gute Erreichbarkeit erleichtert den Alltag und trägt wesentlich dazu bei, dass ein neues Quartier zu einem lebendigen und attraktiven Stadtteil wird. Ein neuer Stadtteil wird lebendig, wenn Mobilität den Alltag erleichtert und Begegnungen ermöglicht.
Herr Fuchs, vielen Dank für dieses Gespräch!